Mister Ti und die Schneekugeln
Irgendwo auf dieser Welt gibt es einen kleinen, aber originellen Laden mit dem Namen Mister Tis Laden für Antiquitäten und besondere Gegenstände aller Art.
Die Wissenden behaupten, der Inhaber Mister Ti könne wahre Wunder vollbringen. Magie liege im Raum, wenn man den Laden betritt, sagen sie. Und obwohl keiner in Worte fassen kann, was an dem Laden oder Mister Ti selbst magisch sein soll, ist an dieser Aussage sicherlich etwas dran. Wer seinen Fuß über die Ladenschwelle setzt, hat das Gefühl, er betrete eine völlig neue Welt – abseits vom alltäglichen Trott, in den die allermeisten Menschen früher oder später verfallen.
Der Laden ist klein, doch das hindert ihn nicht daran, allerlei bemerkenswerte Gegenstände aufzunehmen. Die Regale reichen bis zur Decke und auf ihnen stapeln sich hunderte, wenn nicht tausende, Gegenstände in allen Formen, Farben und Größen. Spielkarten, die dem Besitzer das Blatt seiner Wahl bescheren. Nie zu Ende gehende Seifenspender. Engelsfiguren, die mit verschlossenen Augen auf ihren winzigen Trompeten spielen (manche behaupten sogar, man könne eine Melodie vernehmen, wenn man genau hinhört). Und natürlich die berühmte Standuhr, die Mister Ti insgeheim als Flüsteruhr bezeichnet, weil ihr Ticken klingt wie ein leises Flüstern.
Die Flüsteruhr ist ein Prachtexemplar aus edlem Mahagoniholz. Laut der Aussage einer kleinen Gravur an der Seite der Uhr ist sie mindestens 500 Jahre alt. Gerüchten zufolge bleibt die Flüsteruhr immer dann stehen, wenn ein Kunde den Laden betritt, und läuft weiter, sobald er ihn wieder verlassen hat. So, als würde die Zeit im Laden stillstehen. Man hätte meinen können, dass sich die antiquitätsbegeisterten Stammkunden von Mister Ti regelrecht um die Flüsteruhr prügeln würden. Und es gab wohl Interessenten. Doch Mister Ti verkaufte die Flüsteruhr an niemanden.
An einem Nachmittag irgendwann im Dezember saß Mister Ti wie so oft mit geschlossenen Augen in seinem gemütlichen Ohrensessel hinter dem Tresen des Ladens und trank Tee. Vor ihm auf dem Tresen türmten sich Bücher und anderer Krimskrams. Zwischen den Bergen von Gegenständen konnte man Mister Ti fast nicht erkennen.
Er war nicht besonders groß. In seinem Gesicht zeichneten sich bereits Falten ab und er hatte nur noch wenige Haare auf dem Kopf. Auch sonst war Mister Ti auffallend unscheinbar. Ein ruhiger Zeitgenosse, der nicht selten ein schelmisches Lächeln auf den Lippen hatte, dessen Ursprung nur er selbst kannte. Er grübelte über die Welt und seine Bewohner. Seine Gedanken streiften über politische und gesellschaftliche Themen, aber niemals über seine eigene Person. Denn Mister Ti war der ausgeglichenste Mensch, den die Welt je erblickt hatte. Es gab niemanden, der so mit sich selbst im Reinen war wie Mister Ti und das merkten die Leute.
Der Laden von Mister Ti mutete auch deshalb magisch an, weil von Mister Ti selbst ein geheimnisvolles Leuchten ausging. Esoterisch bewanderte Menschen sprachen von seiner besonderen Aura. Mister Ti konnte mit solchen Aussagen jedoch nichts anfangen. Überhaupt mühte er sich nicht damit ab, über das Getratsche der einfachen Leute nachzusinnen. Die alltäglichen Probleme der meisten Menschen waren für ihn zwar nicht unbegreiflich, aber dennoch so banal wie ein umgefallener Reissack in seiner Heimat Asien.
Noch bevor die Ruhe durchbrochen wurde, spürte Mister Ti ein bekanntes Kribbeln in seinem linken kleinen Zeh. Für gewöhnlich konnte das nur eines bedeuten: nahende Kundschaft. Mister Ti machte sich wie immer einen Spaß daraus, anhand der Art des Kribbelns herauszufinden, wer den Laden betreten würde. An diesem Tag im Dezember fühlte sich das Kribbeln besonders fordernd und enthusiastisch an und Mister Ti brauchte nicht allzu lang grübeln, um die dazugehörige Person zu identifizieren.
Alle seine Kunden waren ausnahmslos Stammkunden. So war es schon immer gewesen. Mister Ti kannte jeden, der seinen Laden betrat beim vollen Namen, auch wenn er ihn nie danach gefragt hatte.
»Hast du gehört, was der Arthur von nebenan letztens zu Mary Jane gesagt hat?«, fragte eine glockenhelle Stimme, während ihre Besitzerin wild gestikulierend den Laden betrat und die Tür hinter sich aufhielt. Kalte Luft strömte an ihr vorbei in den wohlig warmen Laden.
Die Frau war stark geschminkt, was jedoch nicht über ihr fortgeschrittenes Alter hinwegtäuschen konnte. Ihre Kleidung wirkte gepflegt und stilvoll und schmiegte sich elegant an ihre sanften Kurven an. Hinter ihr betrat eine kleinere Frau mit einem rundlichen Gesicht den Laden. Sie hatte sich ebenfalls hübsch gemacht, doch konnte sie mit der Ausstrahlung der ersten Frau bei Weitem nicht mithalten.
Die beiden schnatterten noch eine Weile lautstark weiter, wobei die zweite Frau mehr zuhörte als sprach. Sie kam unter den energischen Ausführungen der ersten Frau kaum zu Wort.
Bald schien sich die erste Frau zu erinnern, wo sie sich befand. Sie verstummte schlagartig und ihr Blick ging suchend im Laden umher. »Ah, Mister Ti«, rief sie aus, als sie den kleinen Mann in seinem Ohrensessel entdeckte. »Da haben Sie sich also versteckt.«
Mister Ti schaute die beiden Frauen aus seinen weisen Augen heraus an und schwieg.
»Wie immer nicht sehr gesprächig, nicht wahr, Mister Ti?«, fragte die erste Frau mit einem Augenzwinkern. Ihr Name war Dora Jones. Mister Ti wusste nur das Nötigste über sie. Sie war geschieden und arbeitete beim Kundenservice der nationalen Bahngesellschaft. Sie hatte keine Kinder, was vielleicht auch gut war, denn sie besaß selbst ein kindhaft großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.
Da Dora Jones dazu neigte, Fragen als rhetorische Elemente in ihre Erzählungen einzubauen, machte sich Mister Ti nicht die Mühe ihr zu antworten. Sie sprach auch so weiter.
»Heute brauchen wir wirklich dringend Ihren Rat, Mister Ti.« Dora klimperte mit ihren langen Wimpern, obwohl sie wusste, dass das auf Mister Ti keinerlei Wirkung hatte. »Es ist ein absoluter Notfall« – was es bei Dora Jones immer war – »und Flora hier« – sie zeigte auf die zweite Frau – »weiß einfach nicht mehr, was sie tun soll.«
Flora Smith nickte mit weit aufgerissenen Augen und sah dabei abwechselnd zu ihrer Freundin und zu Mister Ti. Sie war die beste Freundin von Dora. Mister Ti hatte die beiden Frauen noch nie ohne die jeweils andere angetroffen. Die beiden machten regelmäßig zusammen Urlaub, obwohl Flora seit vielen Jahren verheiratet war. Sie hatte immer im Schatten ihrer Freundin gestanden, doch das machte ihr erstaunlicherweise sehr wenig aus.
Mister Ti schaute die beiden weiterhin an, ohne eine Regung zu zeigen. Er war kein Mann von großen Worten und beschränkte seine Kommunikation auf sparsame Mimik und Gestik sowie, wo nötig, ein paar gesprochene Worte. Er schätzte Ruhe weit mehr als gesellige Unterhaltungen und aufreibende Diskussionen und seine sprachlichen Fähigkeiten waren dementsprechend etwas eingerostet. Doch das störte ihn keineswegs. Er kümmerte sich nicht um grammatikalisch korrekte Sätze oder bedeutungsschwere Worte.
»Wie können Mister Ti helfen?«, fragte Mister Ti mit seinem charakteristisch falschen Satzbau. Seine leise Stimme hörte sich kratzig an, so als hätte er sie seit mehreren Tagen nicht mehr gebraucht.
Dora schien sich nicht daran zu stören und plapperte sofort drauf los. »Ja, also. Die Flora hier« – sie nahm Flora beim Arm – »die hat seit Neuestem einen Schwiegersohn von der ganz üblen Sorte. Ein echter Rüpel, sag ich Ihnen. Kommt zu jedem Familientreffen zu spät und hängt die ganze Zeit nur am Handy. Flora hier kennt nicht mal sein Lieblingsgericht. Und als begabteste Köchin der Stadt ist das mehr als verwunderlich, nicht wahr Schätzchen?« Flora nickte nur, denn auch sie wusste um die rhetorischen Fragen ihrer Freundin.
»Und jetzt weiß sie nicht, was sie kochen soll, wenn der Heinrich mit ihrer Tochter Elise an Weihnachten zu Besuch kommt. So verzweifelt habe ich meine liebe Flora lange nicht erlebt, Mister Ti. Sie glauben gar nicht, was vorhin los war. Rotz und Wasser hat sie geheult, die gute Flora.«
Flora nickte noch immer eifrig, um die hysterischen Worte ihrer Freundin zu unterstreichen. Dora, die noch immer den Arm ihrer Freundin umklammerte, zog sie nun ein Stück weiter zu sich heran, um ihr Trost zu spenden. Dann sprach sie weiter.
»Ich habe versucht, sie zu trösten und ihr beizustehen, wie gute Freundinnen es füreinander tun, aber meine Kräfte sind mittlerweile am Ende, Mister Ti. Sie wissen schon… die Vorweihnachtszeit verlangt ihren Tribut. Auf der Arbeit ist schon wieder die Hölle los und Geschenke muss ich auch noch besorgen und der Flora hier geht’s auch nicht anders. Sie wissen ja sicher, wie das ist.«
Mister Ti wusste es nicht. Er saß tagein, tagaus in seinem kleinen Laden und bekam nicht viel von der Welt da draußen mit. Jedoch war er schon oft genug Zuhörer von derartigen Konversationen gewesen und wusste daher, dass viele Menschen mitunter mehr Stress im Dezember empfanden als in den restlichen Monaten des Jahres. Er hatte gehört, dass dies an einigen Besonderheiten lag, die auf Weihnachten zurückzuführen waren. Obwohl dieses Fest eigentlich für Besinnlichkeit stehen sollte, begann auf der Arbeit der Endjahresstress, im Freundeskreis wurden alle zu Firmen- und Familienfeiern eingeladen und verabredeten auf Adventsmärkten. Alle paar Tage rannte man los, um noch dieses und jenes Geschenk für diese und jene Freundin zu besorgen. Luxusstress, den es nur in einer Gesellschaft geben konnte, die sonst keine Sorgen mit sich herumschleppte.
Dora wollte gerade zu einem erneuten Schwall von Worten ansetzen, als Mister Ti sie unterbrach. »Ruhe«, sagte er mit gelassener Stimme.
Dora schaute ihn verdutzt an. »Ruhe?«, wiederholte sie. »Was meinen Sie mit Ruhe? Sie sind mir ja einer. Ruhe hätte ich gern. Aber das ist leichter gesagt als getan, Mister Ti. Da muss ich warten bis zur Urlaubszeit nach Weihnachten. Die Flora hier und ich fliegen übrigens auf die Malediven. Schön, nicht wahr? Ein echter Traumurlaub. Wir werden am Strand liegen – weit weg von diesem Schmuddelwetter hier. Erholung pur, würde ich sagen…«
»Ruhe«, wiederholte Mister Ti. Er saß noch immer mit zusammengefalteten Händen hinter dem Tresen und wirkte so gelassen wie eh und je.
»Jetzt hören Sie aber mal…« Dora fing mit zunehmender Empörung an, sich über Mister Tis rätselhafte Ausdrucksweise auszulassen. Ob er nicht wie ein normaler Mensch in ganzen Sätzen reden könne. Und ob er sich überlegen fühlte mit seinen kryptischen Aussagen. Dabei gestikulierte sie wild mit ihren Händen.
Mister Ti nippte an seinem Tee. Er stellte die Tasse auf dem Tresen vor sich ab, stand auf und ging zu einem der deckenhohen Regale hinüber. Mister Ti war so klein, dass Dora und Flora erst beim zweiten Hinsehen erkannten, in welchem Teil des Ladens er sich befand. Wenn man sich die Regale genau ansah, schien es so, als würden sie sich immer weiter in die Höhe erstrecken – weit über die Deckenhöhe hinaus. Doch solche Details entgingen Menschen wie Dora Jones. Sie empörte sich weiter über Mister Tis ignorante Art und erhielt dabei tatkräftige Unterstützung in Form von Floras heftigem Nicken.
Mister Ti nahm sich seinen klapprigen Fußhocker, platzierte ihn vor einem Regal mit Weihnachtsschmuck und stellte sich selbst darauf. In dem Regal reihten sich unkaputtbare Christbaumkugeln und immergrüne Adventskränze an Lichterketten in allen Längen und Formen und selbstleuchtende Schwipp-Bögen, in denen man bei genauerem Hinsehen kleine Glühwürmchen statt Lampen erkennen konnte.
Mister Ti griff in eine Regalreihe und zog zwei wunderschön gearbeitete Schneekugeln heraus. Er stieg von seinem Fußhocker, ging zu den beiden Frauen herüber und hielt ihnen die Schneekugeln entgegen.
Dora verstummte und sah die verschneite Welt hinter dem Glas der Kugel aus großen Augen an. Es kam nicht oft vor, dass etwas Dora Jones die Sprache verschlug. Doch beim Anblick der kleinen Häuschen, dem filigranen Schlitten, der von winzigen Rentieren gezogen wurde, und den schneebedeckten Miniaturbäumen stockte sogar ihr der Atem.
»Wow«, hauchte sie schließlich.
Mister Ti trat noch einen Schritt an die Frauen heran und forderte sie mit einer Handbewegung auf, ihm die Kugeln abzunehmen. Dora und Flora starrten weiterhin gebannt auf die Schneekugeln, nahmen sie Mister Ti jedoch endlich ab. Sie krochen förmlich in die Winterwunderwelt hinter der Scheibe hinein. Ihre Nasenspitzen berührten nun fast das Glas und es bildete sich bereits etwas Kondenswasser.
Schließlich fand Dora wenig verwunderlich als Erste ihre Sprache wieder. »Diese Schneekugeln, Mister Ti… sie… sie sind wunderschön.« Mister Ti neigte den Kopf leicht zur Seite, wie um ihre Aussage zu billigen. »Aber…«, setzte Dora an. »Wie können die Kugeln uns… ähm, ich meine Flora helfen?«
Mister Ti hatte sich wieder hinter den Tresen gesetzt und seine Finger ineinander verschränkt. Dann sprach er: »Kugel drehen, dann Schnee zusehen. Augen schließen. Atmen. Tief atmen. Denken an Urlaub. Ruhe.«
»Ruhe«, murmelte Dora und betrachtete die Schneekugel in ihrer Hand. Dann sah sie Mister Ti über das Glas hinweg an. »Ich glaube ich verstehe. Vielen Dank, Mister Ti.«
»Ja, vielen Dank«, echote Flora.
»Wie viel macht das?«, fragte Dora an Mister Ti gewandt.
»Kein Geld«, antwortete Mister Ti. »Zuerst versuchen, dann zahlen.«
Als die beiden Frauen mit ihren zauberhaften Schneekugeln den Laden verlassen hatten, stahl sich der berühmte Schelm in die Augen von Mister Ti und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er erneut an seinem Tee nippte. Die beim Hereinkommen der Frauen verstummte Flüsteruhr begann erneut leise zu ticken.
Zwei Wochen später stand Mister Ti leicht nach vorn gebeugt an einem seiner meterhohen Regale und hielt einige merkwürdig aussehenden Gegenstände in den Händen. Gerade war er dabei, dreiarmige Staubwedel und in Säure eingelegte Froschaugen neu anzuordnen, als er zum dritten Mal an diesem Tag ein Kribbeln in seinem linken kleinen Zeh verspürte. Kurz darauf durchbrach das Geschnatter von Dora Jones und Flora Smith die Stille des Ladens. Die Flüsteruhr verstummte.
»Mister Ti«, trällerte Dora. »Sie sind ein Schatz, ein absoluter Engel.«
Als Dora auf Mister Ti zutänzelte und mit ihren knallrot geschminkten Lippen zu einem dicken Schmatzer auf seine Wange ansetzte, wich Mister Ti lautlos wie eine Feder ihrer lieb gemeinten Danksagung aus. Dabei hielt er die Froschaugen und Staubwedel weiterhin fest umklammert. Dora störte sich nicht weiter daran, denn sie war geradezu euphorisch an diesem Tag.
»Ihre Schneekugel ist wahrlich zauberhaft, Mister Ti.« Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Freude. »Ich habe mich noch nie so gut gefühlt in meinem ganzen Leben. Jeder Tag in den letzten zwei Wochen war ein bisschen wie Urlaub – wie sie es gesagt haben. Ich bin so erholt wie nie.«
Dora streckte und reckte sich, als würde sie gerade aus einem wunderbaren Mittagschlaf erwachen. Dann schnatterte sie weiter: »Und der Flora hier geht es nicht anders. Sie hat jetzt übrigens beschlossen, eine klassische Weihnachtsgans zuzubereiten – ganz egal, was das Leibgericht ihres Schwiegersohns ist. Und wenn diesem Bengel Heinrich das nicht passt, dann muss er eben was anderes essen. So einfach ist das.«
Dora schien sichtlich zufrieden mit sich und Flora zu sein. Trotzdem beschäftigte sie etwas und Mister Ti musste nicht lange warten, um herauszufinden, was es war. »Wie haben Sie das nur gemacht? Geben Sie es doch endlich zu, Mister Ti. Sie können Magie wirken, nicht wahr?«
Mister Ti sah die beiden Frauen aus seinen wachsamen Augen an. Auch Flora wirkte wie beseelt. Ihre Augen glänzten und ihre Wangen hatten ein leichtes Rosa angenommen. Sogar ihre tiefe Stirnfalte zwischen den Augenbrauen war deutlich zurückgegangen, was sie gleich viel jünger erscheinen ließ. Mister Ti hatte nichts anderes erwartet.
»Keine Magie«, antwortete Mister Ti. »Bloß Ruhe.«
»Ach, nun kommen Sie schon, Mister Ti. Seien Sie doch nicht so bescheiden. Uns können Sie es doch sagen.«
Als Mister Ti jedoch die Froschaugen und Staubwedel auf dem Tresen abstellte und sich seelenruhig auf seinen Ohrensessel setzte, schien Dora zu begreifen, dass er nichts weiter dazu sagen würde.
»Wie auch immer. Ich respektiere Künstler, die ihre Geheimnisse für sich bewahren. Wie viel schulden wir Ihnen denn nun, Mister Ti?«
Mister Ti dachte kurz darüber nach. Dann nahm er einen Zettel aus seiner Westentasche und schrieb einen Preis auf, der ihm angemessen erschien.
Als er Dora den Zettel reichte, nahm sie ihn entgegen und stutzte. »Aber, Mister Ti. Ist das Ihr Ernst?« Sie sah ihn empört an. Mister Ti dachte für einen Moment, dass sie ihm den Zettel in wenigen Sekunden um die Ohren schlagen würde. Doch dann sagte sie zu seinem Erstaunen: »Wir zahlen Ihnen das Doppelte. Das ist ja wohl das Mindeste. Nur wegen Ihnen und Ihren magischen Schneekugeln waren die letzten Wochen vor der Weihnachtspause so erholsam wie die Weihnachtspause selbst.«
Dora kramte in ihrer Handtasche nach ihrer Geldbörse und holte schließlich mehrere Scheine daraus hervor.
»Hier, Mister Ti, nehmen Sie das. Und ich möchte keine Widerrede hören.« Sie schaute ihn an wie eine strenge Mutter, die ihren Sohn beim Naschen vor dem Abendessen erwischt hat.
Mister Ti neigte den Kopf und verstaute das Geld in einer Schublade hinter dem Tresen. Dann sagte er: »Jeder Tag kann sein Urlaub.«
An Flora gewandt fügte Mister Ti hinzu: »Legen Lorbeerblatt zu Kartoffeln, damit länger haltbar.«
Dann schloss er erneut die Augen und lehnte sich mit einem Lächeln in seinen Ohrensessel zurück.
Flora schaute ihn verdutzt an, doch dann fiel ihr wieder ein, dass Mister Ti dazu neigte, nach einem erfolgreich abgeschlossenen Geschäft ohne besonderen Grund Haushaltstipps an seine Kunden weiterzureichen. Sie hatte tatsächlich dieses Jahr viel zu früh die Kartoffeln für ihre berühmten selbstgemachten Klöße gekauft und sie fingen bereits zu sprießen an. Flora nahm sich fest vor, den Tipp mit dem Lorbeerblatt auszuprobieren, sobald sie zu Hause war.
Wenig später war Mister Ti eingeschlafen und die Frauen verließen leise, aber glücklich, Mister Ti’s Laden für Antiquitäten und besondere Gegenstände aller Art. Im Hintergrund konnte man das Ticken der Flüsteruhr vernehmen.